Gedanken zu Tod und Trauer

Die nachfolgenden Gedanken über den Tod und das Verhältnis des Todes zum Verstorbenen und uns Hinterbliebenen habe ich auf einer meiner Suchen nach Antworten im Internet gefunden. Die Personen, um dies es hier im Detail geht, sind mir nicht bekannt. Aber das tragische Schicksal des 19-jährigen Schülers namens Arno hat ähnliche Aspekte wie das von Oli. Diese Trauerrede hat mir neue Denkansstöße über Leben und Tod gegeben. -

Danke an unbekannt, für diese Worte.


Wir trauern um Arno.

(von Prof. Dr. Franz Koppe )

Der Anlaß ist bekannt. Arno kam am Freitag, 9. Oktober 1998, um 16.05 Uhr durch einen Verkehrsunfall unversehens und plötzlich ums Leben. Auf Tag und Stunde genau im Alter von 19 1/2 Jahren. Er war mit dem Fahrrad in Kiel auf dem Weg zum Bahnhof. Er wollte sich eine Fahrkarte besorgen für eine Heimfahrt nach Berlin. Der Bahnhof war schon in Sicht, als der Unfall sein Leben von einem Augenblick auf den anderen auslöschte. Ein Stadtbus hatte ihn mit dem Hinterrad überrollt. Arno war auf der Stelle tot. Gelitten hat er wohl nicht. Es war ja kaum Zeit, das eigene Ende zu registrieren. Das sind in Kürze die nüchternen Fakten, um deretwillen wir hier sind. Wir trauern um Arnos Tod.

Aber wie ist das eigentlich mit dem Tod (wenn vorab ein paar Gedanken dazu erlaubt sind)? Wie ist es mit dem Tod, wenn man einmal von Spekulationen über ein Leben nach dem Tode redlicherweise absieht ? Denn der Tod selbst ist ja nirgendwo anzutreffen.

Schon Epikur hat es vor mehr als zweitausend Jahren geäußert, und Ludwig Wittgenstein hat es in unseren Tagen wiederholt: ,,Wo ich bin, ist nicht der Tod. Und wo der Tod ist, bin ich nicht." Und in der Tat: Wo ich bin, ist nicht der Tod: denn da lebe ich ja. Und wo der Tod ist, bin ich nicht: denn da lebe ich ja nicht mehr.

Das klingt nun so, als wenn es den Tod eigentlich gar nicht gibt. Und so ist es auch durchaus gemeint. Und es ist so, wie es gesagt ist, wohl auch unbestreitbar richtig. Und dennoch gibt es den Tod, freilich in einem anderen Sinne. Es gibt ihn als Grenze, als zeitliche Grenze des Lebens. Und als solche ragt der Tod in das Leben hinein, und ist dann aber nicht außerhalb des Lebens, sondern Teil unseres Lebens - unseres diesseitigen Lebens. Er wird zum Beispiel Teil des Lebens in der Perspektive des Lebensendes. ( Heidegger hat das so ausgedrückt, daß unser Leben ein Leben zum Tode ist. )

Diese Perspektive macht sich empfindlich bemerkbar, wenn mir selbst oder einem von mir geschätzten, geliebten Menschen das Lebensende naherückt - bedrohlich und, bisweilen, auch erlösend. Da ragt dann der Tod in das Leben hinein. Und er ragt auch hinein, wenn das Lebensende sich ereignet hat: nämlich für die Überlebenden, die dabei waren oder die Nachricht vom Lebensende des geschätzten, geliebten Menschen erhalten, die dann das eigene Leben zutiefst betrifft, und das Weiterleben prägt und wohl auch in die Perspektive des eigenen Lebens zum Tode rückt. So ragt also der Tod - auch wenn es ihn nicht als solchen, sondern nur als Lebensgrenze gibt - dennoch in das Leben hinein: bedrohlich zumeist und bisweilen, wie gesagt, auch ersehnt.

II

Aber kehren wir zu Arno zurück - zu dem Trauerfall, der uns hier und heute versammelt. Da stellt sich die Frage: Wo ist hier eigentlich der Trauerfall? Und nach den bisherigen Gedanken darf man wohl sagen, und ganz zu recht sagen: Arno ist kein Trauerfall. Oder anders: Er ist der Trauerfall nicht. Damit ist gemeint: Arno selbst ist nicht der Ort der Trauer, genauhin: der Todestrauer; und das heißt: der Trauer angesichts des in das eigene Leben hineinragenden Todes.

Sein Leben war nicht bereits grundlegend erschüttert durch den Tod eines geliebten anderen Menschen. Und er hat erst recht nicht, und zwar bis zuletzt nicht, gelebt in der Perspektive des eigenen drohenden Todes. Er wollte, wie gesagt, eine Fahrkarte besorgen; und was er vor sich sah, war zum Beispiel die Fahrt nach Hause und dann natürlich, weiterblickend, seine Lebenspläne und vielleicht auch das Bild einer Hamburger Freundin, die er unlängst bei einer Demonstration in Rostock kennengelernt und noch in den letzten Tagen wiederholt angerufen hatte. Noch das vorletzte Telefonat ging zu ihr nach Hamburg, wie das Tagebuch ausweist. Vor dem allerletzten dann nach Hause, wo (wie mir berichtet wird) seine Stimme noch immer nachklingt, lebendig und freundlich: ,,Hallo! Hier spricht Arno."

Nein - der Tod hatte keinen Anteil an seinem Leben. Das heißt aber: Arno ist vielmehr das Gegenteil eines Trauerfalls. Er ist ein Fall des ungebrochenen Lebens. Ein Fall des bewußten Lebensaufbruchs, auch der Lebensfreude - und der Lebenshoffnung: Hoffnung, daß der Aufbruch ins Leben gelingt und sich nicht in Enttäuschung und Resignation verkehrt. Alle diese Momente eines bewußten Lebensaufbruchs lassen sich zusammenfassen als ein Glaube an das Leben.

Und es war kein blinder, kein oberflächlicher Lebensglaube. Nicht der Glaube der Vielen, die heute (zumal in jungen Jahren und eher auf der sozialen Sonnenseite des Lebens angesiedelt) die Welt und die Gesellschaft, in der sie sich vorfinden, im Grunde für ganz o.k. halten, die Güter des Lebens, die ihnen zufallen, als selbstverständlich ansehen und konsumieren und sich den fragwürdigen Moden und Trends fraglos ausliefern.

Er hat den Tanz um das Goldene Kalb nicht mitgetanzt. Um das Goldene Kalb der ,,Super-Hits", der ,,Mega-Stars", der ,,ultimativen Kicks" (und das alles und mehr möglichst als ,,letzter Wahn", möglichst ,,irre", möglichst ,,tierisch"). Er hat in den Chor der leeren Superlative nicht eingestimmt und zum obszönen Profit ihrer professionellen Betreiber nicht beigetragen. Die grelle und laute Welt, die zugleich eine kalte Welt ist in der unerbittlichen Konkurrenz ihrer Egoismen - das war nicht Arnos Welt.

Er gehörte eher zu den Stillen im Lande, eher zu den Zurückhaltenden und Bescheidenen, die nicht yiel reden und nicht viel von sich reden machen, ihr Inneres eher verbergen. Er hatte wohl auch seine Fehler wie wir alle; denn er war zum Glück ein Mensch wie wir alle. Aber er schätzte und pflegte die Freundschaft, war interessiert an Wissenschaft, Kunst und Politik - und, vor allem: Arno wußte wohl, was er wollte - und setzte es in die Tat um. Er war im Aufbruch zu einem eigenen, selbständigen Lebensentwurf. Zu einem Lebensentwurf der individuelle Verantwortung für die eigene Selbstentfaltung und Selbstverwirklichung in Einklang brachte mit sozialer Verantwortung. Solche Verschwisterung, solche Synthese von individueller und sozialer Verantwortung ist ja der Schlüssel zu dem, was man in der Antike ( darin stimmen Sokrates, Platon und Aristoteles überein ) schlicht das ,,gute Leben" nannte und das auch heute wieder und aufs neue, in kritischer Absicht, so genannt wird: das ,,gute Leben".

Und durchaus in diesem Geiste stand Arno in seinem Aufbruch ins Leben, mit kritischen Augen und engagiertem Herzen.

Beide Momente konkretisierten sich ihm bereits im Spielraum zwischen vergangener Schulzeit und künftigem Berufsweg in seinem ökologischen und sozialen Engagement. Auch hier nicht mit großen Worten, sondern in eigenständigem Entscheiden und Handeln. So zögerte er nicht, sich bei Nacht und Nebel dem Protest in Ahaus gegen die Castor-Transporte anzuschließen und damit auch dem grundsätzlichen Protest gegen den Wahnwitz nuklearer Vergiftung der Erde auf die nächsten 500 000 Jahre. Ein freiwilliges ökologisches Jahr trat er bei der Vogelwarte in Kiel an und unternahm erst kürzlich mit dem Vogelschutzkomitee eine Reise nach Spanien zum Schutze der Singvögel, die, im Herbst aus dem rauheren Norden kommend, ins gelobte Land des milden Südens ziehen und nicht wissen, daß dort Netze, Fallen und Flinten auf sie warten. Es war seine letzte, bedeutsame Reise.

Die Erde schützen, daß sie bewohnbar bleibt, und das bedrohte Leben auf ihr, das der Menschen und der Tiere - bis hin zu den Singvögeln: das war wohl ganz nach Arnos Herzen. Nach seinem Herzen, das nun so plötzlich aufgehört hat zu schlagen, weil er sich selbst am Ende nicht hat schützen können. Aber solange es schlug, schlug es ungebrochen und unbeschädigt seinem Aufbruch ins Leben, ins eigene Leben.

III

Wo also ist dann, das war die Frage, der Trauerfall, wenn Arno selbst es nicht sein kann, wenn sein Leben doch offenbar bis zuletzt das Gegenteil davon, das Gegenteil eines Trauerfalls, war? Die Antwort liegt auf der Hand: Der Trauerfall - das sind wir. Allein wir, die wir um ihn trauern. Je nach Nähe zu ihm in wachsender Betroffenheit. Und nicht nur das. Unsere Betroffenheit durch diesen Tod, der nun seit Tagen so hart in unser Leben hineinragt, ist durchaus geeignet, durchaus ein legitimer Anlaß, den Sinn des Lebens überhaupt in Frage zu stellen. Es war ein Unfall. Und wenn er tödlich ist, ist der Unfall die dramatischste Form des Zufalls. Und das heißt, daß unser Leben dem Zufall ausgeliefert ist, und zwar stets und ständig, und letztlich dem Zufall endgültig erliegt.

Die Rede vom ,,Schicksal" hilft da kaum weiter. Sie mag ein höheres ,,Geschick" vorstellen, eine höhere ,,Fügung", die den dann nur vermeintlichen Zufall in einen umfassenden, über das Leben hinausgreifenden Sinnzusammenhang integriert. Aber das muß nicht so sein. Und redlicherweise spricht wohl auch kaum etwas daflür. Zumal angesichts eines so grausam widersinnigen Zufalls, der einem jungen Menschen von neunzehneinhalb Jahren im gerade ansatzweise gelingenden mutigen Aufbruch in ein authentisches Leben ( und einem guten Jungen dazu ! ) das Leben nimmt, indem er es von jetzt auf gleich - eben nur so, per Zufall - einfach abbricht. Ein denkbar sinn- und gnadenloser Zufallsabbruch des Lebens also, der die Vorstellung eines Schicksalssinns in der Hand einer gütigen Fügung des Lebens in der Tat ad absurdum zu führen geeignet ist.

Mag es im übrigen mit dem ,,Schicksal" bestellt sein, wie es will. Wir wissen es nicht, und können es nicht wissen. Aber was bleibt uns dann noch in unserem Trauerfall, der wir selber sind ? Wissen können wir hierzu nur eines: Das Leben hat jedenfalls den Sinn, den wir ihm geben. Und diesen Sinn, den man dem Leben, solange es währt, selbst gegeben hat, kann ihm nichts und niemand nehmen - auch nicht der Tod. Das ist wohl das entscheidende, das wesentliche Wissen, das uns, trotz allem, bleibt. Und es kann für die Richtigkeit dieses Wissens im Blickfeld unserer gegenwärtigen Betroffenheit kaum ein überzeugenderes Beispiel geben als Arnos Leben, auch wenn es ein kurzes, allzu kurzes Leben war. War es doch, auch und erst recht im Schwung seines tätigen Lebensaufbruchs, bis zum letzten Augenblick ein sinnerfülltes Leben.

Dieser Gedanke kann Trost sein, auch wenn er zugleich den schmerzlichen Verlust akzentuiert, zumal im Nachsinnen darüber, was aus dem so begonnenen Leben noch hätte werden können. Im übrigen sollte es ohnehin nicht darum gehen, Trauer durch Trost zu verdrängen, sondern vielmehr der Trauer auch im Trost ihren unverkürzten Raum zu lassen.

Wohl aber kann dieser Gedanke uns Anstoß und mögliche Quelle für einen künftigen Lebensmut sein, wie ihn Arno hatte und lebte. Anstoß für die Jungen unter uns, die selbst im Aufbruch des Lebens stehen; Anstoß und Neuanstoß aber auch für die Erwachsenen und Allzuerwachsenen, denen die Frage nach dem Sinn des Lebens in arrivierter Geschäftigkeit verloren zu gehen droht; und auch für die Älteren und Alten, denen jene Frage in der Perspektive des eigenen Lebensendes wie von selbst wieder naherückt. Und wir können uns dabei in unseren Trauergedanken ruhig Arno selbst zuwenden, um den wir trauern. Nicht als einem Menschen, der nicht mehr ist oder im Jenseits zu suchen wäre, sondern an Arno gerichtet, der in unseren Herzen ja als Lebender gegenwärtig ist und bleibt - als Sohn, als Bruder als Freund. Eine solche Zuwendung könnte etwa von der Art sein, daß sie - in eben dieser Zuwendung - Lebensmut erfährt und entsprechend Respekt und Dankbarkeit empfindet.

 



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Zum Gedenken an ARNO

( von Timm Krause-Plonka )

Wir sind hier zusammen gekommen, um von einem Sohn, einem Bruder, einem Freund, einem Mitschüler und Schüler Abschied für immer zu nehmen. Als langjähriger Lehrer Arnos bin ich gebeten worden, einen Teil von Arnos Leben in Erinnerung zu rufen und damit zu bewahren - bin ich gebeten worden, das Unfaßbare in Worte zu fassen und das Vergangene dem Vergessen zu entreißen.

Es war mir nicht möglich - es gibt keine Worte des Trostes für den Tod eines jungen Menschen, der nur so kurz versuchen konnte, seinen Weg ins Leben zu suchen und zu finden. Ein hoffnungsvolles Lebenslicht wurde von einer Sekunde zu anderen durch die unglückliche Verkettung von Zufällen ausgeblasen, einer Sekunde, die eine Familie in unermeßlichen Kummer stürzt, dem Freund den Freund nahm und uns alle traurig und betroffen macht.

Dem spontanen und stillen Gedenken in der Ehrenhalle unserer Schule ist mit Worten eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, zeugt es doch von unserer sprachlosen Anteilnahme mit dem unglücklichen Schicksal eines Mitschülers. Ihnen, liebe Familie Stengel, sollte diese außergewöhnliche Bekundung zu erkennen geben, daß Ihr Sohn bei seinen Freunden, seinen Kameraden und auch bei seinen Lehrern durch sein aufrichtiges Wesen, seine vorsichtige Zurückhaltung und seinen subtilen Humor geschätzt und beliebt war.

Bei dem unzulänglichen Versuch, Stationen seines Schullebens zusammenzutragen, entdeckte ich Seiten seines Charakters, die vielen von uns unbekannt waren, die er nur wenigen Menschen seines Vertrauens offenbarte. Er kam an unsere Schule als vorsichtiger und wißbegieriger Zehnjähriger, der Höhen und Tiefen eines Schülerlebens durchmachte – ( bei mir durchschritt er in den Mathematikarbeiten fast die ganze Bandbreite der Notengebung ) und entwickelte sich zu einem zwar immer noch zurückhaltenden, aber offenen und kooperativen jungen Menschen. Mir ist ein Schüler vor Augen, der offensichtlich gern an unserer Schule Schüler war, der, wie ich von den ihn unterrichtenden Altphilologen weiß, mit den alten Sprachen zwar kämpfte, den Wert dieser Ausbildung aber stets bejahte. Seine naturwissenschaftlichen Schwerpunkte entwickelten sich erst in der gymnasialen Oberstufe, und das Schülertrio Arno, Gerd und Tobias wurde im Leistungskurs Physik unzertrennlich. Freundschaften fürs Leben haben sich in diesem Kreis entwickelt, Freundschaften auch zu anderen, die auch nach dem Abitur während seines freiwilligen ökologischen Jahres bei einer Vogelwarte in Kiel nicht abrissen und wohl nie abgerissen wären.

Er war am Unglückstag auf dem Weg zum Bahnhof, um sich die Fahrkarte nach Berlin zu kaufen - ein Treffen mit seinen Freunden war bereits verabredet.

Wer Arnos Antworten auf dem Fragebogen des Abiturbuches genauer nachliest, lernt ihn näher kennen. In der Schule stets interessiert aber zurückhaltend, war er für sein Alter den Gleichaltrigen an Vernunft und Einsicht voraus, vielleicht begründet durch den durch Medikamenteneinnahme erzwungenen präzisen Tagesrhythmus. Alle acht Stunden ein Medikament für seine Augen einnehmen zu müssen, erzwingt Selbstdisziplin und Genauigkeit. Daher wohl sein nicht erfüllter Wunsch nach Ausschlafen, daher wohl seine stets überarbeiteten Unterrichtsmitschriften, die nicht so sehr dem Wohlgefallen seiner Lehrer als vielmehr dem eigenen Ordnungsprinzip dienten. Nicht perfekte Tafelbilder im Unterricht – dazu gehörte auch ein fehlendes Komma - wurden kritisch-humorvoll kommentiert – blieb der Kommentar einmal aus, so wurde er sogar vermißt. Zu seinen Wesenszügen gehörte auch ein feinsinniger Zweckpessimismus bezüglich der zu erwartenden Leistungsbeurteilungen. Eine penible Zensurenberechnung für den denkbar schlechtesten Fall diente wohl aber mehr der Selbstüberlistung, denn diese schlechten Fälle traten regelmäßig nie ein.

In der Gruppe wollte Arno nie im Mittelpunkt stehen, er zog den kleineren Kreis dem großen Publikum vor. Der Unterricht in Politischer Weltkunde war ihm Anregung und Ergänzung zu seinen Teilnahmen an Demos gegen Atomkraft und Sparmaßnahmen. Es stimmt mich im nachhinein froh, zu lesen, daß die Schülerfahrten nach Paris und Rom zu seinen schönsten Schulerlebnissen gehörten. Die Mitreisenden sehen ihn vor sich, das Allzweck-Palästinenser-Tuch locker um den Hals, die Fotoausrüstung stets griffbereit, dem Entdeckungsdrang folgend.

An dem seiner Meinung peinlichsten Schulerlebnis soll auch ich beteiligt gewesen sein. Diese Begebenheit, die sein Wesen und seine Art vielleicht mehr kennzeichnet als erzielte Zensuren oder Zeugnisköpfe, die ich ihm während der Oberstufe ab und zu mit einem Schmunzeln zu seinem Mißvergnügen ins Gedächtnis rief, möchte ich hier kurz andeuten: Ein orangefarbenes zweisprachiges deutsch - lateinisches Reklamheft, benutzt während einer Lateinklausur, um die eigene Übersetzungskunst ein wenig abzusichern, spielt eine nicht unwesentliche Rolle. Noch nicht durch seinen Lateinlehrer überführt – ein trotziges Leugnen hätte sich vielleicht gelohnt – gab er zu, was zuzugeben war; denn es ging ihm mehr um sein Ansehen und das Vertrauensverhältnis zu seinem Lehrer als um die zu erwartende Zensur.

Ich habe ihm zum Abschluß nach einem guten mündlichen Abitur komödiantisch angekündigt, ihn in 20 Jahren zum Abiturwiedersehen mit zitternden Händen mahnend daran zu erinnern – ich bin traurig zu wissen, daß wir bei einem solchen nächsten Zusammenkommen nur noch seiner gedenken und ihn missen werden.

Im Verlauf des Lebens ist es schmerzhaft aber naturgegeben, wenn die Älteren die Jüngeren verlassen – aber Kinder, die ihr Leben so hoffnungsfroh vor sich hatten wie Arno, gehen uns allen vom Herzen. Freude und Sorge um das Wachsende verlieren sich im sinnlosen Nichts.

Liebe Angehörige, liebe Anwesende – ich habe versucht, einen jungen Menschen zu beschreiben, der alle Anlagen hatte, den Weg des Lebens erfolgreich zu gehen – ehrlich, verlässlich, gutmütig und integrierend. Es ist mir schwer gefallen, Worte zu finden, die mein ganzes Bedauern und meine Traurigkeit ausdrücken können.

Arnos Frage : CUI BONO ? bleibt unbeantwortet – vielleicht würde er uns heute sagen: CARPE DIEM ! denn

media vita in morte sumus

( Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen )